Die Tragödie der MT Böhlen

MT-Böhlen

In einer Beilage der Leipziger Volkszeitung stieß ich auf die "MT Böhlen". Bis dahin war mir gar nicht bewußt, das die DDR Öltanker im Einsatz hatte. Das jedoch auch die DSR (Deutsche See Reederei) für eine sehr schwere Verschmutzung der Küsten der Bretagne mit Öl verantwortlich war, hätte ich bisher verneint.
Kein Wunder! Ich selbst war zur Zeit des Unglücks gerade etwas über 10 Jahre alt. Wir waren im Juli 1976 aus dem Harz nach Sachsen umgezogen. Da hat man andere Interessen als sich Nachrichten anzuhören. Zudem waren in der DDR solche "Schlagzeilen" beileibe nicht der Aufmacher der täglichen Sendungen.
Ich hatte mir vorgenommen, auch dieses Tankerunglück in meine Seiten aufzunehmen. Also beginnt man erst einmal sich zu informieren! Was ich fand, ist eine Tragödie, die wohl nie ganz zu klären sein wird. Es wird immer menschliches Versagen geben. Warum jedoch im Fall der MT Böhlen die Fehlentscheidungen so eklatant ausgefallen sind wird sicher nicht mehr nach zu vollzeihen sein.

Seemannsbild der Böhlen

14. Oktober 1976

Ich bin weit davon entfernt, Schuld zuzuweisen. Hier gibt es keine Täter oder irgendwelche kommerzielle Interessen. Die aufstrebende Wirtschaft der DDR in den 70´ern brauchte Öl. Sich allein auf die Lieferungen der Sowjetunion zu verlassen, so realitätsfern war selbst die Altherrenriege des Politbüros nicht.
Ignoranz, Inkonsequenz, eventuell Überheblichkeit, fehlendes Selbstvertrauen und die in der DDR allgegenwärtige "kritisier bloß nicht den über dir" Haltung, all dies zusammen führte zum Untergang der MT Böhlen. Kurz gesagt reines menschliches Versagen war die Ursache.

Archivbild Deutfracht

Die Böhlen, die mit rund 7500 BRT im Gegensatz zur Amoco Cadiz für mich wie ein Spielzeug erscheint, war auf dem Weg von Venezuela nach Rostock. Die letzte exakte Standortbestimmung erfolgte beim Passieren der Azoren. Die Funkpeilungen des Funkoffiziers ergab einen Kurs, der ca 60 Seemeilen vor dem durch die errechnete Navigation bestimmte Positionsangabe lag. Der Funker wurde wohl ignoriert, keiner kann dies heute noch nachvollziehen. Die Berechnungen waren schlichtweg falsch, denn die tatsächliche Geschwindigkeit des Schiffes war höher als angenommen. Hinzu kam eine Sturmwarnung. Der hiervon unterrichtete Kapitän kam kurz auf die Brücke, um sich daraufhin wieder zurückzuziehen, ohne den Kurs ändern zu lassen. Mehrmals kreuzten in dieser Nacht noch Schiffe mit südlichem Kurs den der Böhlen. Das hätte die Besatzung darauf aufmerksam machen müssen, das sie sich im Bereich der Schiffahrtsroute englischer Kanal -Cap Finisterre befindet. Trotzdem blieb der vom Kapitän vorbestimmte Kurs beibehalten. Der wachhabende Offizier nutzte die Zeit für den Papierkram, unterstützt durch den II. nautischen Offizier, der Aufgrund stärker einscheinenden Leuchtfeuers wieder zur Brücke zurückkkehrte. Hier kam erneut ein Fehler zu Tragen. Ich bin kein Leuchtturmexperte. Doch ein jedes Leuchtfeuer hat seine eigene "Leuchtfrequenz". Daran kann man erkennen, welcher Leuchtturm dieses Lichtsignal über wieviel Kilometer aussendet. Hätte der Offizier diese Information exakt bestimmt, wäre eine Positionsbestimmung noch möglich gewesen. Doch auch dies unterblieb und so wurde ein falscher Kurs gesetzt, welcher die Böhlen gegen 3.55 Uhr in die Untiefen westlich der Chausee de Sein in Grundberührung brachte. Wassereinbrüche im Vorschiff führten schließlich zum Untergang.

Die Böhlen wird überspült

Der inzwischen auf die Brücke gerufene Kapitän ließ viel zu spät SOS funken. Auch der Besatzung wurde der Ernst der Lage nicht zeitig genug bekannt gegeben. Von den 35 Besatzungsmitgliedern und 2 mitreisenden Ehefrauen konnten elf lebend geborgen werden. Französische Such- und Rettungsmaßnahmen wurden sofort nach dem SOS eingeleitet. Weiter beteiligten sich der unter Bundesdeutscher Flagge fahrende Schlepper Pacific, die Frachter Bernburg und Sonneberg der DSR und Schiffe aus den Niederlanden sowie Norwegen an den Rettungsmaßnahmen. Französische Fischer bargen noch den Koch und den Bäcker.

 

Die Böhlen im Hafen MT Böhlen

All dies ist nur ein kurzer Abriss der Geschehnisse um die Böhlen. Mein größter Dank gilt Matthias Dietrich, ohne dessen Unterstützung diese Seite nicht hätte enstehen können. Wer wirklich ausführlich (und das meine ich in diesem Sinn!) sich mit der Böhlen auseinander setzen will, dem sind die Seiten von Matthias ans Herz gelegt:

MT - Böhlen von Matthias Dietrich

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